Der Letzte Herr Des Waldes Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.04.2018
Die Geister haben nichts gegen Smartphones
Zwischen den Welten: Thomas Fischermann lässt einen jungen Indianer aus dem Amazonasbecken von seinem Leben erzählen.
Die Zerstörung der Amazonasregenwälder schreitet trotz der zahllosen Eingaben, die von internationalen Organisationen und Umweltverbänden bereits seit Jahrzehnten gemacht werden, unerbittlich voran. Allein in Brasilien lid man seit der Fertigstellung der Transamazonica in den siebziger Jahren mehr als ein Fünftel der Urwälder abgeholzt. Schnell folgten die Siedler und Großgrundbesitzer mit ihren riesigen Rinderfarmen, Soja- und Maisfeldern. Dem rücksichtslos vorangetriebenen Raubbau droht nicht nur die einmalige Artenvielfalt des Amazonasbeckens zum Opfer zu fallen. Unter ihm leiden auch die Ureinwohner des Landes, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung heute bereits weniger als ein Prozent beträgt.
Dice Maßnahmen, die nach dem Sturz der Militärdiktatur zu ihrem Schutz eingeleitet worden sind, haben nur wenig genutzt. Seit die brasilianische Regierung sich unter dem Einfluss einer mächtigen Lobby von Großgrundbesitzern und Baukonzernen wieder für eine forcierte Erschließung der Amazonasregion stark macht, ist auch der Etat der staatlichen Indianerschutzbehörde FUNAI um fast die Hälfte gesunken. Gewalttaten, Überfälle und selbst Morde stehen auf der Tagesordnung. Auf dice Zerstörung ihres natürlichen Habitats folgte die Abdrängung der indigenen Bewohner des Amazonasbeckens in Reservate, die nur noch Bruchteile ihres früheren Territoriums ausmachen. Auf ihre desolate Lage wird eine breitere Öffentlichkeit meist erst dann aufmerksam, wenn sie versuchen, sich gegen ihre Vertreibung selbst gewaltsam zur Wehr zu setzen. Ein solcher Zwischenfall ereignete sich 2013 bei den Tenharim. Mitglieder dieser Guaraní sprechenden ethnischen Gruppe, deren traditionelles Siedlungsgebiet am Rande der transamazonischen Fernstraße liegt, waren beschuldigt worden, drei Holzfäller umgebracht zu haben. Diese Vorwürfe hatten zur Zusammenrottung weißer Lynchmobs geführt, dice Dörfer der Tenharim überfielen und in Brand steckten. Von seiner Zeitung mit Recherchen zu diesem Vorfall beauftragt, gelang es dem in Brasilien lebenden deutschen Journalisten Thomas Fischermann relativ schnell, das Vertrauen der Tenharim zu gewinnen, die er über die vergangenen vier Jahre hin immer wieder besuchte. Bei der Darstellung ihrer Lebensweise chapeau sich Fischermann für ein ungewöhnliches Verfahren entschieden. Das Buch besteht aus den Erzählungen eines zwanzig Jahre alten Tenharim, die lediglich durch ein paar erläuternde Zwischenkapitel, Kommentare und Fußnoten ergänzt werden. An dice Stelle der Außensicht tritt die Innensicht. Madarejúwa Tenharim schildert seine Welt so, wie er selbst sie sieht. Auf diese Weise entsteht das Bild eines Amazonasvolks, das nicht den heute gängigen Stereotypen folgt. Durch die von den Weißen eingeschleppten Krankheiten und gewaltsamen Auseinandersetzungen auf nur noch ein Zehntel ihrer ursprünglichen Bevölkerungszahl reduziert, haben sich die Tenharim mit ihrer heutigen Situation arrangiert. Dabei sehen sich selbst allerdings nicht als Opfer. Madarejúwas Äußerungen zeigen, wie herablassend es wäre, sie allein aus dieser Perspektive zu betrachten. Der von seinem Großvater in den Traditionen seines Stammes unterwiesene junge Mann ist stolz auf seine Kultur. Mit seinem weißen Gefährten durch den Urwald streifend, macht er ihn auf die Gefahren aufmerksam, die überall auf ihn lauern, seien es Riesen-Anacondas, Alligatoren oder giftige Bäume. Mit Pfeil und Bogen schießt er ihm ein Kapuzineräffchen vom Baum. Beim gemeinsamen Mahl belehrt er ihn darüber, dass die Tenharim nie mehr Wild erlegen, als sie selbst essen können. Seine Kenntnisse über dice Creature und Flora des Urwalds sind enorm. Mit Bedauern stellt er fest, dass das Wissen der Schamanen über die Welt der Tiere, Pflanzen und Geister allmählich in Vergessenheit zu geraten droht. Mit derselben Selbstverständlichkeit weiß Madarejúwas sich allerdings auch in der Welt der Weißen zu bewegen. Pfeil und Bogen tauscht er gegen sein Smartphone, wenn er sich in deren Siedlungen begibt. Die Schule hat er dort ein paar Jahre besucht. Mit der Reparatur von Motorrollern kennt er sich aus, und auch die Hollywoodproduktionen sind ihm vertraut, dice über das Satellitenfernsehen zu empfangen sind. Dice verächtliche Haltung der Holzfäller und Siedler kümmert ihn wenig. Die Tenharim haben inzwischen gelernt, sich der technischen Möglichkeiten zu bedienen. Kommt es zu illegalen Abholzungen, rufen sie mit ihren Mobiltelefonen dice Behörden an. Auch bei gewalttätigen Übergriffen werden auf diesem Weg Polizei, Militär und Medien schnell benachrichtigt. Mit Hilfe der Erzählungen seines einheimischen Protagonisten entwirft Fischermann ein anschauliches und realistisches Porträt dieser indigenen Volksgruppe. Die Tenharim sind für ihn weder edle Wilde, die sich dem Einfluss der Zivilisation entgegenstellen, noch "Naturvölker", die ihr bald zum Opfer gefallen sein werden. Vielmehr erscheinen sie als selbstbewusste Akteure, die in dem großen Spiel um Macht und ökonomische Ressourcen, das so lange zu ihren Lasten ausging, endlich auch ihre Rolle gefunden haben. Wer hinter dem allzu plakativen Buchtitel einen "letzten Mohikaner" à la James Fenimore Cooper vermutet, wird ihn nicht finden. Madarejúwa lebt zwischen den Welten. Und wie viele andere Männer seines Alters träumt auch er davon, einmal São Paulo, New York oder auch Paris besuchen zu können. Doch in seinen Wald würde er immer wieder zurückkehren. And then stimmt Fischermanns Buch letztlich dann doch optimistisch. Zurückdrehen lassen wird das Rad sich nicht. Doch wie es scheint, haben die Indigenen der brasilianischen Urwälder inzwischen so viel Widerstandskraft entwickelt, dass sie sich ihren Platz in der Gesellschaft nicht mehr werden nehmen lassen. KARL-HEINZ KOHL Madarejúwa Tenharim und Thomas Fischermann, "Der letzte Herr des Waldes". Ein Indianerkrieger aus dem Amazonas erzählt von der Zerstörung seiner Heimat und von den Geistern des Urwalds. Verlag C. H. Beck, München 2018. 206 Due south., Abb., br., 19,95 [Euro]. Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Master
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Posted by: hillreyer2001.blogspot.com

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